Institut equalita e.V.


Weit weg - ganz nah

Klimawandel und Klimagerechtigkeit im künstlerischen Schaffen von Jugendlichen aus dem Globalen Süden und NRW

Vom August 2015 bis November 2017 hat das Institut equalita ein Projekt zu Klimawandel und Klimagerechtigkeit mit Jugendlichen aus dem Globalen Süden und NRW durchgeführt.

Seit 10 Jahren lädt das Institut equalita Jugendkulturgruppen aus den Ländern des Globalen Südens ein. Junge Künstler*innen zeigen mit und durch Kunst, wie ihre Lebensrealitäten aussehen, mit welchen Problemen sie konfrontiert sind und wovon sie träumen. Die künstlerische Erfahrungsebene wird dabei genutzt, um globale Zusammenhänge erfahrbar zu machen und brisante Themen wie Armut, Ressourcenknappheit, Migration etc. zu transportieren. Jugendliche und Kinder werden durch Gleichaltrige auf jugendgerechte Art angesprochen, ein Austausch und gemeinsames Handeln wird ermöglicht.

Für die Jahre 2015 bis 2017 stand das Thema Klimawandel und Förderung der Klimagerechtigkeit im Fokus. Das Thema ist ein zentraler Bestandteil der neuen, globalen Entwicklungs- und Nachhaltigkeitsziele der Post-2015-Agenda bzw. der SDG (Sustainable Development Goals). Klimagerechtigkeit (Climate justice) ist als normatives politisches Konzept und ein Teil des übergreifenden Ziels Umweltgerechtigkeit.

Die Rechte und Möglichkeiten der Kinder weltweit (in den Ländern des globalen Südens machen sie oft mehr als 50% der Bevölkerung aus), aber auch in Deutschland, sind der Ausgangspunkt für eine nachhaltige Entwicklung in allen Gesellschaften. Das Projekt zielt mit einem künstlerisch-kreativen Ansatz gerade auf Kinder und Jugendliche ab und bietet eine Operationalisierung des eingeführten „Orientierungsrahmen Globale Entwicklung“, der ab 2015 für alle Schulen Leitlinie ist.

 

Zielgruppen

Unsere wichtigste Zielgruppe waren Schüler*innen in der Altersgruppe zwischen 11 und 16 Jahren. In einigen Schulen wurde die Altersgrenze unter- bzw. überschritten. So konnten in Köln und Aachen als Kooperationsschule auch Grundschulen gewonnen werden, die an einer langfristigen Zusammenarbeit interessiert sind. In diesem Falle wurden Workshops mit 4-Klässler*innen durchgeführt. Ebenso wurden im Projektzeitraum eintägige Workshops durchgeführt mit 18 bis 21-jährigen  bei den Tages- und Abendschulen in Köln-Mülheim und Köln-Müngersdorf.

Die Zielgruppe der Eltern, Geschwister und Gastfamilien entwickelten sich zu einem wichtigen Kontaktpunkt innerhalb des Projektes: Sie gaben unseren Gastgruppen ein „Zuhause“ und waren am intensivsten mit einzelnen Jugendlichen in Kontakt. Aus diesen persönlichen Erlebnissen entstanden einige Freundschaften, die bei manchen noch andauern. Mehrere Gastfamilien besuchten mehrfach Auftritte „ihres Gastes“, auch in anderen Orten und Städten.

Die Zusammenarbeit mit den Lehrer*innen gestaltete sich auch erfreulich. Vorabgespräche und gemeinsame Vorbereitung der Workshops und Aufführungen erhöhten die Kenntnisse der Lehrkräfte und führten dazu, dass diese selbst neu über Nord-Süd-Beziehungen reflektierten und Lernpotenziale durch die jungen Gäste aus dem Süden erkannten.

Als wichtiger außerschulische Kooperationspartner konnten wir in Köln 2015 das Kultur- und Jugendzentrum Glashütte gewinnen.  In Bonn erreichten wir 2016 und 2017 eine Kooperation mit dem Politischen Arbeitskreis Schule (PAS), einem außerschulischen, politischen Bildungsträger und dem Jugendzentrum „Haus der Jugend“.  Das Jugendkulturhaus Passwort Cultra in Brühl organisierte mit der Europa Gesamtschule 2017  einen viertägigen Aufenthalt mit Auftritt und Workshop. In Aachen entstand eine fruchtbare Zusammenarbeit mit dem Bildungsbüro Städteregion Aachen.

In Köln haben wir unsere Zusammenarbeit mit dem OB Büro/Dezernat für internationale Zusammenarbeit intensiviert. Dadurch wurden unsere  Auftritte jeweils in den Rundbriefen veröffentlicht und die Räumlichkeiten im VHS-Forum/Rautenstrauch-Joest Museum kostenlos zur Verfügung gestellt. 

 

Ziele und Ergebnisse des Projektes

Das anvisiertes quantitatives Ziel war es, bis zum Projektende 2017 etwa 20 Schulen / Jugendzentren im Raum Köln-Bonn-Aachen zu erreichen.  Mit  19 Schulen und zwei Kultur- und Jugendzentren wurde dieses Ziel erreicht. Zusätzlich fanden in drei Theaterstätten insgesamt 5 Auftritte statt. Darüber hinaus wurden mit dem Projekt die folgenden inhaltlichen Ziele verfolgt:

Förderung der Klimagerechtigkeit

Das Thema ist ein zentraler Bestandteil der globalen Entwicklungs- und Nachhaltigkeitsziele der SDG. Im Unterricht blieb dieser Aspekt für viele Schüler*innen zunächst abstrakt. Er wurde aber für diejenigen Jugendlichen konkreter, die an den Workshops teilnahmen. Bei der Beschäftigung mit den Ländern Afrikas und Lateinamerikas und den Berichten der Jugendlichen aus dem globalen Süden wurde ihnen deutlich, dass die Auswirkungen des Klimawandels in weitaus höherem Maße diese Länder betreffen, ohne dass sie hauptsächlich zur Verursachung beigetragen haben.

Förderung von Kinderrechten

Das Projekt „Weit weg – ganz nah“ zielte auch auf die Förderung von Kinderrechten ab. Kinder und Jugendliche sollen als handelnde Akteure wahrgenommen und gestärkt werden. Der Ansatz des Peer-to-Peer Lernens stellt die Jugendlichen selbst in den Vordergrund. Sie bringen ihre jugendspezifische Perspektive ein, sie gestalten den Workshop und entscheiden über die inhaltliche und künstlerische Ausgestaltung ihrer Performance.

Das Thema Klimawandel ist ein globales und ein weit in die Zukunft hinein reichendes Thema, das noch weitere Generationen beschäftigen wird. Die Gruppe aus dem globalen Süden sind für die hiesigen Jugendlichen nicht nur „cool“, sondern auch Vorbilder im Bereich Selbstwirksamkeit. Deutsche Jugendliche erfahren, dass trotz vieler ökonomischer und sozialer Schwierigkeiten in ihren Ländern, die Afrikaner*innen und Lateinamerikaner*innen selbstständig Workshops leiten und eine tolle Performance auf die Beine stellen können.

Ein weiterer Aspekt war in einigen Gruppen das Thema der Geschlechtergerechtigkeit. Vor allem in der indischen Gruppe wurde deutlich, dass Mädchen und Jungen zu einem Umdenken über Geschlechterrollen angeregt werden und das Projekt ein wichtiger Beitrag zu Geschlechtergerechtigkeit darstellt; Jungen wie Mädchen übernahmen im Stück Hauptrollen.  Die Mädchen erzählten uns, dass dies nicht selbstverständlich sei.

Unterstützung von Wissensaustausch und Vernetzung

Ein wichtiger Aspekt des Projekts war die Vorab-Informationsarbeit an den Schulen. In den zwei Jahren ist dies weitgehend gelungen. Intensiver wurde der Wissensaustausch bei den persönlichen Begegnungen mit den afrikanischen und lateinamerikanischen Jugendlichen. Die ausgewählten Länder stehen nicht im aktuellen Focus der deutschen Medien und auch an den Schulen werden sie kaum erwähnt. Die Zusammenarbeit mit den Partnern aus dem Globalen Süden gestaltete sich zunehmend intensiver. Dazu gehörten ein frühzeitiger Kontakt und ein fachlicher Austausch per Skype, per Mail oder ein persönlicher Austausch in Hamburg mit den Leitern von KCC aus Tansania und dem Leiter der Dreamcatchers aus Indien.

Vermittlung von interkultureller und sozialer Kompetenz

Im Laufe des Projekts bestätigte sich, dass die Vermittlung von interkultureller und sozialer Kompetenz vertiefend dann gelingt, wenn ein mehrtägiger Aufenthalt möglich ist. Neben den offiziellen Angeboten (Auftritte, Workshops) sind es oft die Begegnungen zwischendurch, die nachhaltig wirken. In der Gesamtschule Aachen-Brand beispielsweise waren die Gruppen Teatro Trono/Bolivien, Dreamcatchers/Indien  und Sosolya/Uganda jeweils von Montag bis Freitag zu Gast. 

Die meisten Schüler*innen lernten sie intensiver während der Unterrichtsbesuche, in den Pausenaktivitäten, beim Essen und im Rahmen der Gastfamilien kennen.  Die indischen Jugendlichen malten  in den Pausen Henna Tatoos, die ugandischen Mädchen flochten Zöpfe, andere brachten Trommeln bei oder nach dem Mittagessen im Haus der Jugend/Bonn übte eine Gruppe von Deutschen und Ugander*innen gemeinsam Salsa.  

Arbeit mit künstlerischen Vermittlungsmethoden und Peer-to-Peer Learning

Die Gruppen aus dem Globalen Süden behandeln gesellschaftliche Themen mit künstlerischen Mitteln. Kunst ist für sie nicht nur Ästhetik und Lebensfreude, sondern ein Werkzeug um Wissen – sowohl kognitiv als auch emotional – zu vermitteln. Durch gemeinsames künstlerisches Schaffen wird gemeinsam gelernt, begriffen und verstanden. Lernen ist ein Prozess, der auf mehreren Ebenen geschieht und keine reine Wiedergabe von Fakten. Künstlerische Tätigkeit verstärkt das Selbstbewusstsein und motiviert zu gemeinschaftlichem Handeln.

Ihre Kunst will helfen, ihre Gesellschaften gerechter zu gestalten. Und das ist auch der Schlüssel zum Erfolg bei den Schüler*innen hier: Kunst und Kultur haben für sie eine Bedeutung für den Alltag.

Der Ansatz Peer-to-Peer stellt die Fähigkeiten von Jugendlichen ins Zentrum des Lernprozesses; das Unterrichten und Lernen zwischen Gleichaltrigen durchkreuzt die ansonsten bekannte Lernhierarchie durch Alter und vermeintlichem Wissensvorsprung und fördert die Kompetenz und Verantwortung bisher Gelerntes weiterzugeben, so dass eine andere Person es versteht.

Interkultureller Dialog und Blickwechsel

Die Schüler*innen wurden herausgefordert, sich die Lebensrealitäten von Gleichaltrigen genau und konkret anzuschauen; Wissen aus dem Unterricht wurde dabei beispielhaft sichtbar. Werte und Verhaltensweisen aus dem eigenen familiären und gesellschaftlichen Kontext wurden hinterfragt und Gewohnheiten und Vorgänge, die als allgemeingültig gelten, in ein neues Licht gerückt. Als Beispiel kann hier der Zugang zu Strom und Elektrizität gelten. Wie wirkt es sich auf das Leben eines Jugendlichen aus, wenn häufig der Strom wegen Überbelastung des Netzes ausfällt? Oder das Beispiel Migrationserfahrung: Wie wirkt es sich auf die schulische Biografie aus, wenn Jugendliche im Alter von 13 Jahren darüber nachdenken auszuwandern? Diese Dialoge regten auch das interkulturelle Lernen zwischen Schüler*innen mit unterschiedlichem kulturellem Hintergrund an.

Neben den Unterschieden fanden die Kinder und Jugendlichen viele Gemeinsamkeiten, denn unabhängig von der Herkunft und den jeweiligen sozioökonomischen Rahmenbedingungen sind Themen wie Liebe und Freundschaft, Sport und die Sehnsucht etwas beizutragen, grundlegende menschliche Anliegen und Bedürfnisse.

Resümee

Insgesamt ist es uns gelungen, das Projekt in den Städten Aachen, Köln  und Bonn im geplanten Umfang durchzuführen. Sowohl die künstlerischen, themenbezogenen Workshops als auch die Auftritte der jugendlichen Künstler*innen aus Südafrika, Bolivien, Indien, Brasilien, Tansania, El Salvador und Uganda gaben Anstöße für die deutschen Schüler*innen, sich mit den globalen Auswirkungen des Klimawandels zu beschäftigen, die Perspektive anderer Länder wahrzunehmen und erste Überlegungen zu Handlungsmöglichkeiten zu entwickeln.

Nach dem Besuch der Gruppen aus dem globalen Süden wurden sich insbesondere Schüler*innen aus Migrantenfamilien, die sich oft selbst als Vertreter*in einer anderen Kultur sehen, als solche überhaupt wahrgenommen. Der Besuch der Gruppen brachte ihnen Wertschätzung, die sie bisher oft nicht erfahren hatten. Das hatte eine integrative Kraft, weil auch die „alt-deutschen“ Schüler*innen ihre kulturelle Selbstwahrnehmung hinterfragen mussten.Für die Schüler*innen  hier sind die Gruppen aus dem globalen Süden Vorbilder; sie sind „cool“.

Bei einer intensiveren Zusammenarbeit waren verschiedene Aspekte des Lernens zu beobachten:

In diesem Lernumfeld  erlebten auch die Lehrer*innen ihre Schüler*innen oftmals anders als im Unterricht. So ist es ein paarmal passiert, dass Lehrer*innen uns zu Beginn auf „schwierige“ Schüler hinwiesen, die im Workshop dann sehr motiviert waren und ungewohnte Talente zeigten.

Im Laufe des Projektzeitraumes wurde sichtbar, dass bei den Gruppen aus dem globalen Süden auch die Qualität der Beschäftigung mit dem Thema Klimawandel/Klimagerechtigkeit zunahm. Während wir bei den ersten Gruppen manchmal den Eindruck hatten, dass das Thema eher von außen betrachtet wurde, konnten wir im letzten Projektjahr feststellen, dass das Engagement und auch die Tiefe der Beschäftigung damit gewachsen waren.  Alle Gruppen gaben uns die Rückmeldung, dass sie durch ihren Aufenthalt in Deutschland viel über die Auswirkungen des Klimawandels in Deutschland, über ihr eigenes Land  gelernt haben und neue Möglichkeiten sehen, aktiv zu werden.

 

Das Projekt wurde gefördert durch die Stiftung Umwelt und Entwicklung Nordrhein-Westfalen.

 

Ausführliche Informationen und Materialien finden Sie in der Projekt-Dokumentation im Anhang am Ende dieser Seite.

 Eindrücke von den Workshops finden Sie in folgenden Videos :